Altägyptische MusikinstrumenteProf. Curt SACHS 1919
Die vorliegende Schrift ist aus einem Bortrag entstanden, den der Berfasser im Juni 1919 in der Borderasiatischen gesellschaft zu Berlin hielt. Ausführlich hat er das Thema in seinem Buche "Die Musikinstrumente des alten Ägyptens" behandelt, das als 3. Band der "Mitteilungen aus der Ägyptischen Abteilung der Staatsmuseen" im Berlage von Karl Turtius in Berlin erscheint. Bergl. auch seine Aufläße "Die Namen det altägyptischer Musikinstrumente" in der Zeitschrift für Musikwissenschaft Bd. I Heft 5 und "Die Tonkunst der alten Ägypter" im Archiv für Musikwissenschaft BD. II, Heft 1. |
Jedes Werk von Menschenhand kündet Geist und Fretigkeit eines Bolkes, einer Zeit, und die Entwidlungsreihe, in der es steht, bezeugt das Werden und Ablaufen einer Kultur. Die Musikinstrumente liefern unter diesen Menschenwerken ein Bild von besonderer Schärfe. Sie geben Auskunft über Handwerksgeschicklichkeit und technischen Geist, zugleich aber über seelische Bedurfnisse und künstlerische Anlage und Richtung. Dabei weisen sie jeweils Bergangenheit und Gegenwart, Batererbe und Ginfuhr aus. Als Sprachrohr des volkseigenen Seelenlebens, als bevorzugte Gegenstände zaubergläubischer Borstellungen und Glieder gottesdienstlischen Rituals haben sie eine Beharrungskraft, die den Rußgeräten kaum eignet; als Werkzeuge des Spielmanns und der Haremssklavin geraten sie aber in die Freizügigkeit des Wandermusikantentums und des Internationalen Mädchenhandels und überflügeln an Beweglichkeit jedes andre Kulturgut; alle Wellen des Brandenden Bölkermeeres führen sie als leichte Schaumbekrönung mit sich und hinterlassen sie, wenn sich die Wasser längst zurückgezogen haben.Besonders deutlich wird das an den Musikinstrumenten Ägyptens.
Noch in der 5. Dynastie, da das Pharaonenland lägst ein reif durhgebildetes Instrumentarium befaß, finden wir als Zeugen uralter Musikübung das denkbar einfachste Schalwerkzeug. Es ist die Organprojektion, d. h. die verlängernde und verstärkende Nachbildung der rhythmisch klatschenden Hände: zwei paarweis zusamenschlagende, ekkenlange Holzstäbe. Sie erscheinen auf dem Felde beim Erntereigen und beim Weinberg zur rythmischen Regelung und Erleichterung des Traubenstampfens (Abb.1). Hier, bei dem jüngeren Weinbau, dienen sie noch im Sinne des Bücher'schen "Arbeit und Rythmus" der Arbeit selbst; dort, bei der älteren Feldarbeit, find sie schon aus der eigentlichen praktischen Tätigkeit geschieden und zum abgeleiteten Tanze gestellt. Möglich, ja wahrscheinlich, daß die verwendenten Stöde ursprünglich zum Handwerkszeug gehörten. Im allgemeinen wird man vorausstehen müssen, daß die ältesten Schallwerkzeuge nichts anderes waren, als Hausgeräte, Jagdwassen oder Arbeitszeug, und daß erst auf einer höheren Menschheitsstufe eigene Musikinstrument gebaut wurden. So mag es sich erklären, daß die Alägyptische Tanzklapper, die schon auf vorgeschichtlichen Basen erscheint, saft durchgängig die Form der Wurskeule hat, an sich ist diese Form (Abb. 2) für ein Schallwerkzeug nicht notwendig und kaum gerechtfertigt; sie wird aber durchaus verständlich, wenn man unterstellt, daß schon in grauester Borzeit der äyptische Täger in Papyrusdickicht zwei Wurskeulen aneinandersschlug, um die Wasservögel auszuschreden. Tanzklappern dieser Form erscheinen noch auf Reliefs des Neuen Reiches; die Gräber haben uns keine bewahrt. Die klapperartigen Gebilde, die sie uns in großer Zahl übermitteln, haben ihre Form meist dem menschlichen Unterarm mit der Hand entlehnt (Abb.3). Obgleich, hier alles auf den Gebrauch als Klappern zu deuten scheint, die Paarigkeit, die Endlöcher mit der Berbindungsschnur und die ebenen Innenslächen, so muß doch jeder Bersuch, die Paare zum Schallen zu bringen, mißraten; denn gerade da, wo der Schlag zustandenbekommen soll und wo die größte Widerstandskraft erfordert wird, am Handende, verjüngen sich die Gegenstände derart, daß sie troß ihrem Stoff - Holz oder Elfenbein - nur ein schwaches Geräusch hergeben und in Kürze zerbrechen müssen. Da nun Klappern dieser Art auf keinem denkmal der Bildenden Kunst dargestellt sind, liegt der Schluß nahe, daß es sich nicht um Grabbeigaben aus dem wirklichen Leben handelt, sondern um Sinnbilder für eine nicht gegenständliche Tätigkeit des Berstorbenen. Ich glaube nicht sehlzugehen, wenn ich in ihnen die Attribute von Sängern sehe. Der ägyptische Sänger begleitete die Weisen mit Klatschen (Abb.15), wie es noch heute viele Naturvölker tun, oder mit malenden Gebärden der Hand (Abb.11, 16), und diese Mitbewegungen kennzeichneten den ägyptischen Sänger in dem Grade, daß die Sprache den Begriff "singen" durch "mit der Hand musizieren" umschrieb und die Hieroglyphenschrift ihn durch das Bild eines Unterarms mit der Hand in genauer Übereinstimmung mit unsern Grabklappern wiedergab.
So läßt sich, über die Entstehung der wirklichen und der falschen Klappern ziemliche Klarheit gewinnen. Aber gerade da, wo uns für Ägypten die größte klarheit erwünscht wäre, bleiben wir unbesriedigt: im Mittleren Reich, also im Beginn des zweiten vorschriftlichen Fahrtaufends, erscheint zuerst jenes klingelnde Rasselinstrument, das unter dem griechisch-lateinischen Namen Sistrum bis in unsere Zeit herein das Sinnbild ägyptischer Musik und ägyptischer Religion geblieben ist. Anbetende Frauen schüttelten es im Dienste der Himmelsgöttin Hathor, um mit dem Klange - wie beim Weßglöckchen der katolischen Kirche - die bösen Geister fernzuhalten; mit dem Singringen des Hathorkultes in die Isisverehrung geht es in den Dienst Gottheit über, und mit der Weltverbreitung der Isisreligion in späten Altertum durchzieht es den ganzen antiken Mittelmeerkreis, ja, es hat sichtbare Spuren in Gallien, im Kaukasus und selbst in der christlichen Kirche Abessiniens hinterlassen.
Wenn wir, von "dem" Sistrum reden, so ist das im Grunde nicht ganz genau; denn wir müssen zwei nach Form, Herkunst und Namen ganz verschiedene Arten unterscheiden. Die längst und weitestverbreitet ist das Bügelsistrum; ein bequemer Griff und darauf ein schlanker Bügel mit ein paar Seitenlöchern, durch welche frei in horizontaler Richtung drei oder vier Drähte dringen, um draußen gegensinnig umzubiegen (Abb.4). Da das ganze aus Metall ist, schlägt beim Schütteln abwechselnd der eine und der andre Umbug der Drähte klirrend gegen die Bügelwand. Während des ganzen zweiten Fahrtaufends sind überdies im Innern des Bügels Metallringe oder durchbohrte Rasselbleche locker auf die Drähte gereiht, so daß die Klingelwirkung verstärkt wird. Diese Ringe, die dann in der Spätzeit wegblieben, mögen die ursprüngliche Schallwirkung gewesen sein. Denn, die anklingelnden Drahtenden seßen Metall als Stoff voraus; daß aber ein Werkzeug, zumal ein wichtiges, nach zweck und Gedanken im urwüchsigsten Zauberglauben wurzelndes Kultgerät, erst in der Metallzeit vorstusenlos entstanden wäre, darf unter keinen Umständen vorausgefeßt werden. Vielmehr, müssen wir an ein Gebilde denken wie die Rassel, mit der heute noch malaiische und melanefische Fischer den Hai jagen: ein tennisschlägerartig zusammengebogenes Rohr, das unmittelbar oder auf eingeklemmter Duersproffe zusammenschlagende Kokosnußschalen trägt. Seinen gottesdienstlichen Aufgaben entsprechend ist das Sistrum mit religiösen Sinnbildern reich geschmückt. Die Sonnenscheibe mit den Federn des Sonnengottes, der Hathorkopf mit dem Doppelgesicht und die Ruhhörner dieser Göttin, die haße mit den saugenden Fungen, die lichtbringenden Patäken, die Uräusschlangen, Bes und Harpokrates, all' diese wohlbekannten Borwürse des altyptischen Kunstgewerbes sind vertreten. Später, im Ausgang des Altertums, als die ehrwürdigen Borstellungen ins Wanken geraten waren, sah man, unfruchtbar deutelnd, in den Sistrumteilen selbst noch Sinnbilder: der Bügel wurde zum weltumsaffenden Mondkreis, die vier Duerdrähte zu den Elementen, und die Schüttelbewegung gab die Beränderlichkeit allen Seins wieder.
Ist der sinbildliche Schmuck beim Bügelsistrum Zutat, so bei der zweiten Art, dem Raos-Sistrum, Kern, Wir sehen ein ägyptisches Tempelzellchen - die Altertumskunde bezeichnet es mit dem griechischen Worte Raos -, das von dem Griffe wieder durch einen zweifrontigen Hathorkopf geschieden ist, zwei henkelartige Boluten, die es rechts und links einsaffen, dann die Drähte mit den Ringen und mythologischen Schmuck (Abb.5). Die Entstehungsfrage liegt hier durchaus anders als beim Bügelsistrum. Sagten wir foeben, bei diesem sei der sinbildliche Schmuck Zutat, beim Raossistrum aber Kern, so müssen wir noch hinzufügen: in der Bügelform ist umgekehrt auch die KlingelvorrichtKern, in der Raosform Zutat. Wirklich fehlt auf den vielen Darstellungen von Frauen, die, das eine Sistrum in der Rechten, das andre in der Linken, ehrfürchtig der Gottheit nahen, oft die Klingelvorrichtung der Raosform. Bei näherer Prüfung aller Unstände stellt sich heraus, daß das Raossistrum zunächst nichts andres gewesen ist, als ein stummes Sinnbild des Hathordienstes, das im Alten Reich von besonderen Würdenträgern bald am Bande als Brustkleinod, bald als Zierrat des Amtsstabes getragen wurde und im Laufe der Entwicklung den Griff - einen Papyrusstengel - und das Tempelchen von andern Seiten her als neue Motive aufnahm (Abb.6,7) um sich schließlich in der 12. Dynastie auch noch die Klingelvorrichtung des Sistrums anzueignen. Angesichts dieser Feststellung ist es vielleicht nicht ganz gerechtfertigt, von Sinnbildern zu sprechen. Die Darstellungen von Göttern, göttlichen Attributen ung göttlichen Tieren sind eben im Anfange durchaus keine Symbole im heutigen Sinne, sondern sie sind - genau wie das Rasseln eine akustische Waffe ist - eine optische Waffe im Kampf mit den bösen Geistern, die sie schrecken und bannen sollen. Erst in der Spätzeit verblassen sie zu bloßen gedanklichen Sinnbildern.
Etwa gleichzeitig mit den Sistern, im Mittleren Reich, tauchten am Nile Trommeln auf. Dieser Zeit gehört freilich einstweilen nur ein einziges Stück an, eine große Holzröhre mit zwei Fellen und neßartig übergeknüpstem Schnurwerk. Während das Sistrum schon in seiner Eigenschaft als Kultgerät sicher bodenständig ist, stellen sich hier erhebliche Zweifel über die Herkunst ein. Das Stüd selbst ist so reis in seinem Bau, daß es eine lange Ahnenreihe vorausseßt. Glaubt man diese Borfahren in Ägypten suchen zu sollen, so stört das vollkommene Schweigen aller sprachlichen und bildlichen Quellen des Alten Reiches. Es ließe sich aber einwenden, daß der Kreis der künstlerischen Borwürfe dieser Zeit nicht eben Groß ist, und daher manches, vor allem das kriegerische Leben, ungeschildert bleibt; und ein überwiegend kriegerische Gerät dürfte die ägyptische Röhrentrommel anfangs gewesen sein; noch in Neuen Reich ist sie es (Abb.8), und erst im leßten vorschriftlichen Jahrtausend macht sie die für Spätkulturen bezeichnende Wandlung vomgebundenen Standesinstrument zum freien Orchesterglied mit. Immerhin ist erwähnenswert, daß am Anfang als Trommler mehrfach Reger erscheinen, die ja auch heute noch in dieser Eigenschaft hervorragen.
Ganz anders steht es mit der Rahmentrommel, für die sich im gewöhnlich Sprachgebrauch leider die falsche und irreführende Bezeichnung Tamburin eingebürgert hat. Während bei der Röhrentrommel die große, von der zylindrischen oder bauchigen Wand eingeschlossene Luftmasse mit den Fellen mitschwingt und einen dumpfen, tiefdröhnenden Schall erzeugt, ist hier das Fell über einen Rahmen gespannt, so daß nur diese schmale Holzleiste die Schwingungen aufnehmen und verstärken kann (Abb.9). Das Ergebnis ist ein kurzes, scharfes Knattern, das etwas ungemein Erregendes, Aufpeitschendes hat. Diese Wirkung stellt für die höhere Musik Ägyptens etwas Neues dar. Die Musikinstrumente des Alten und des Mittleren Reiches haben einen milden Ton; nichts deutet auf nervenreizende Absichten. Wie kommt in den Kreis stiller Längsflöten und sanfter Harfen die aufwiegelnde Rahmentrommel? Was war geschehen, um die musikalischen Bedürfnisse des Ägypters in eine andre Bahn zu lenken?
Die Antwort ergibt sich aus den kulturgeschichtlichen Greifnissen um 1500 v.Chr. Schon vorher - durch die Ausbeutungder Sinaigruben, durch die Handelsschriffahrt um Mittelländischen Meere, durch die gelegentlishen Grenzüberschreitungen viehzüchtenderNomadenstämme und endlich durch die Fremdherrschaft der Hyksos - war Ägypten in Beziehungen zu asiatischem Wesen getreten und hatte asiatische Kulturgüter kennengelernt. So war, als die tatkräftigen Pharaonen der 18. Dynastie die Grenzpfähle bis ins Zweistromland hinausrükten und ganz Borderasien unter ihre Herrschaft brachten, der Boden für die Aufnahme asiatischer Sitte und asiatische Geistes bereitet; denn noch nie sind große Kulturvölker unterworfen worden, ohne dem Sieger geistigen Tribut aufzuerlegen.
Die unterjochten Könige beeilen sich, dem Landesherrn Menschen und Erzeugnisse ihrer Länder zu senden. Neben die einheimische Hofkapelle tritt eine asiatische, und morgenländische Sklavinnen mit ihren fremdartigen Musikinstrumenten ziehen im ägyptischen Königspalast ein. Sie sind ein greisbares Sinnbild für den geistigen Umschwung am Hof und in den oberen Gesellschaftsschichten. Ägyptens ist aus seiner Bereinzelung herausgetreten und hat sein Gerpäge verändert. Die Musik, deren Wandlungen seelische Borgänge mit besonderer Deutlichkeit spiegeln, stellt diese Beränderung in ein klares Licht. Mehr als ein Jahrtausend lang werden mit Ausnahme der Harfe die altägyptischen Instrumente beiseitegestellt und in immer neuer Sinfuhr durch asiatische erseßt. Bon ihnen spielt die Rahmentrommel die Hauptrolle. Unter ihrem anseuernden Schall ist für die Milde der alten Musik und die gemessene Zurückhaltung der alten Tänze kein Raum mehr.
Und es ist nicht genug an der einen Form der Tahmentrommel. Asien schickt neben der runden gleich noch eine viereckige mit hohl eingezogenen Seiten (Abb.9), und, auch damit nicht genug, wir treffen ein Riesenexemplar im Format unserer großen Trommel, das sich erst am chaldäischen Hofe nachweisen läßt (Abb.10), um 800 am ägyptischen Hofe wieder: ein Mann auf den Reliefs von der Festhalle Osorkons II. trägt es auf der Schulter, und der Spieler geht schalgend hinterher. Das ist ein schöner Beleg dafür, daß die asiatische Beeinslussung des ägyptischen Musiklebens kein einmaliges Greignis war, sondern, wie wie es noch an andern Belegen sehen werden, sich bis weit ins erste vorchriftliche Jahrtausend hinein stetig erneuert.
Gleichzeitig mit der Rahmentrommel kam die Oboe in Land. Sie fand an Blasinstrumenten zwei Arten vor: die Längsflöte und die Doppelklarinette.
Die Längstflöte, die schon auf einer vordynastischen Palette von Hierakonpolis abgebildet wird, ist ein einfacher, knapp meterlanger, beiderseits offener Rohrabschnitt, der vom Munde schräg abwärts gehalten und durch eine recht schwierige, dem Europäer kaum erreichbare Art der Atemführung angeblasen wird (Abb.11). Sie klingt außerordentlich weich und milde, weicher als irgendein andres Blasinstrument, und gerade diese Milde ist für das Gepräge der altägyptischen Musik vor dem Sindringen der asiatischen Tonkunst bezeichned. Mit dem Augenblicke des Stilwandels verschwindet die Flöte, um nie wieder zu erscheinen. Auf den Denkmälern wenigstens. Tatfächlich aber hat man in der Erde eine Flöte gleicher Art mit demotischen Schriftzügen gefunden und damit den Beweis erhalten, daß das Instrument noch elfhundert Jahre später, um die Mitte des leßten vorchriftlichen Jahrtausends, in Gebrauch war. Der Fall zeigt, wie sehr man sich gerade in ägyptischen Dingen hüten muß, aus dem Schweigen der bildlichen Darstellungen das Richtvorhandensein bestimmter Gegenstände zu folgern. Die Künstler schildern doch eben nur die Musik, wie sie bei feierlichen Anlässen und bei den Saftmählern der Großen geübt wurde. Die musikalischen Unterhaltungen des gemeinen Bolkes lagen außerhalb des Bilderkreises, und gerade in ihnen steckt das Erbteil der altägyptischen, von Asien unberührten Tonkunst. Übrigens lebt die Flöte des Niltals noch heute an der gleichen Stelle als Nây.
Etwa die gleichen Bemerkungen wären zur Doppelklarinette zu machen. Es handelt sich um zwei fußlange Rohrabschnitte, die durch Fadenumwicklung engparallel aneindergebunden sind (Abb.12). In den Oberenden stecken schlankere Rohre; in sie ist je eine aufshlagende Zunge, ähnlich wie bei der modernen Klarinette, hineingeschnitten. Der Spieler nimmt beide Mundstücke gleichzeitig und zwar voll in den Mund: während der moderne Bläser die Aufschlagzunge, das "Blatt", mit den Lippen saßt, den Wind unmittelbar abstuft und daher den Ton dynamisch schattiert, dient beim orientalischen Bläser der Mund als Winbehälter, aus dem unter gleichbleibendem Druck die Klarinette gespeist wird, so daß der Ton unverändert stark und starr her. Der harmoniumspielende Leser wird sich den Unterschied an seinem Expressionszug klarmachen können, dessen Benußung den Magazinbalg ausschaltet und die Zungen unmittelbar unter den Atemzügen des Schöpfbalgs schwingen läßt, während sonst, ohne "Expression", der Zungenton unbiegsam durch den stetigen Druck des zwischengeschalteten Magazinbalgs unterhalten wird. Die zusammengebundenen Klarinetten haben gleichviele und gleichhoch stehende Grifflöcher, die wohl auch gleichzeitig gegriffen wurden und durch eine ganz geringe beabsichtige Berstimmung jene tremolomäßigen Schwebungen ergaben, die noch heute vielen Bölkern angenehm sind, und die wir selbst in unserm Orgelregister "Vox humana" durch zwei leicht verstimmte Pfeifenreihen herstellen. Das scharfklingende Instrument kommt auf den Denkmälern ausschließlich in der 5. Dynastie vor: es ist dasjenige, das von den Ägyptologen gewöhnlich als "kurze Flöte" bezeichnet wird. Es verschwindet dann für fast drei Jahrtausende, um erst in der Zeit von Christi Geburt - und diesmal in natura - wieder zum Borschein zu kommen. Auch hier also offenbar ein Untertauchen zur gesellschaftlichen Unterschicht. Die ertaunliche Lebens und Beharrungskraft, die wir eingangs den Musikinstrumenten nachrühmten, bewährt sich gerade in dieser Doppelklarinette ganz besonders. Wenn uns die moderne Existenz der Längsflöte wegen ihrer großen Einfachheit vielleicht nicht recht als etwas Merkwürdiges zum Bewußtsein kommt, so berührt es wie ein Wunder, wenn noch der Ägypter des 20. Jahrhunderts n.Chr. in der Zummâra nach fünf Jahrtausenden Punkt unangetastet die alte Doppelklarinette seiner Bäter bläst.
Eine solche Lebenskraft hat die Oboe nicht aufbringen können; sie blieb eben troß anderthalbtausendjärigem Aufentbalt im Lande doch nur Fremdgut der Oberschicht, ohne im Bolke Wurzeln schlagen zu können. Diese Oboe ist von Hause aus ein schlichter Halm, den der Hirt oben einschnitt, so daß das Oberende zwei beim Anblasen gegeneinanderschlagende Zungen bildete. Noch nach der Herstellung eines Gesonderten,dauerhafteren und leistungsfähigeren "Rohrs", wie heute der Oboist die Gegenschlagzunge nennt, ist die Oboe nicht über die Form des Halms hinausgegangen; die ägyptische, aus Asien bezogen und schon damals mindestens über Babylonien und Syrien verbreitet, besteht aus einem unbearbeiteten Schilfrohr von kaum Halbzentimeterbicke mit wenigen Grifflöchern und einem strohartigen Anblasröhrchen (Abb.13). Erst in griechischer Zeit scheint die hölzerne Oboe vom Cyprus des Aulos ihren Singung gehalten zu haben. Wenn wir von "der" Oboe reden, so laufen wir freilich Gefahr, eine falsche Borstellung zu weden: niemals in Ägypten oder sonstwo im Altertum ist eine Oboe einzeln geblasen worden; vielmehr tritt das Instrument allzeit paarweise auf. Die beiden Zwillinge sind nicht, wie die Klarinetten, zusammengelegt und verbunden, sondern sie bleiben völlig getrennt, werden aber gleichzeitig in den Mund genommen, so daß sie im Spißen Winkel auseinanderstehen (Abb.15). Offenbar hat man - wie es noch heute bei außereuropäischen Bölkern die Regel ist - auf der rechten Pfeife die Melodie geblasen, auf der linken dagegen zunächst nur einen einzigen, unveränderten Begleitton, wobei dann die unbenußten Grifflöcher entweder mit den Fingern gedeckt oder gar mit Harz verklebt worden sind. Es verdient übrigens hervorgehoben zu werden, daß diese Oboenpaare, die damals dem ganzen Mittelmeerkreis angehörten, obgleich sie in ihrer Urgestalt, dennoch sichtbare Spuren hinterlassen haben; die Südslaven besißen noch heute eine Doppel-Schnabelflöte mit der ausfallenden Grifflochanordnung der ägyptischen Oboenpaare (rechts vier, links drei Löcher), und, wenn auch nicht mehr heute, so doch vor nicht langer Zeit, hatten die Chinesen als östliche Erben der altvorderasiatischen Kultur ganz ebenso Zwillingsoboen mit vier und drei Grifflöchern.
Auch Trompetten gab es in Ägypten, freilich nur recht kurze, kaum zwei Fuß lange (Abb.14), die einen wenig erfreulichen Ton gehabt haben müssen und schon durch ihren äußeren Eindruck die Nachricht Plutarchs bestätigen, daß sie in einzelnen Teilen des Landes in die Acht getan waren, weil sie wie das Geschrei des Esels, des Typhontiers, klangen. Auch sie tauchten erst im Neuen Reich auf, können jedoch aus mehreren Gründen nicht aus Asien hergeleitet werden. Sie sind vor, allem neben der Röhrentrommel das Soldateninstrument, werden aber in Späterzeit auch im Osirisdienste verwendet, genau wie bei den Juden die artgleiche Ghazozerah zum Streite rief und beim Opfer erklang, damit es ihnen vor Gott "zum Gedächtnis" würde.
Die feinste Durchbildung habe in Ägypten die Saiteninstrumente erfahren. Daran, müssen schon unabsehbar weit zurückliegende Zeiten gearbeitet haben. Denn bereits in der 4. Dynastie tritt uns eine Harfe von eindrucksvoller Reise entgegen. Nach allem, was wir bisher schließen können, muß als ihr Stammvater der einfache Bogen angefeßt werden, der als Musikinstrument mit dem Schießbogen zusammensiel - es ist noch nicht sicher, ob man mit dem Gerät zuerst geschossen oder musiziert hat -, dann eine Kalebasse als Resonator angenommen, sie sich organisch verbunden und in Holz nachgebildet hat, während die Sehne zum mehrsaitigen Bezug wurde. Die Saitenbefestigung muß - wie wir heute noch an einigen modern-afrikanischen Tonwerkzeugen sehen - mittels Zweigansäßen geschehen sein, die an dem rohen Saitenträger faßen; in Alten Reiche sind daraus bereits feste und wohl auch schon verleimte Haltepflöcke in Rücken des Bogenholzes geworden. Es ist nicht unwichtig diese Befestigungsart hervorzuheben; denn allenthalben in der Literatur findet man die Pflöcke als Wirbel, d.h. als Drehhölzchen bezeichnet; davon ist aber in Ägypten noch keine Rede.
Die Harfe des alte Reiches errinert sehr deutlich an die Herkunst vom Bogen. Beherrschend ist der starkgeschweiste Hals, während der Körper in seiner Kleinheit und bauchigen Rundung die Züge der angehängten Kalebasse trägt (Abb.11, 16). Diese ausfallende Kleinheit, zusammen mit der häutenen Decke, bekundet, daß der Klang des Instruments ebenso wenig kräftig gewesen ist, wie der der mitwirkenden Längsflöte. Da die Harfe groß, oft mannshoch war, mußte man sie auf den Boden stellen; aber die fruchtmäßige Rundung des Schallkörpers gefährdete die Standfestigkeit. Der Spieler hals sich, indem er dem Instrument einen regelrechten Hemmschuh gab. Dieser war gewöhnlich schlicht und unverziert. Wir finden aber auch als Zier ein winziges Löwenfigürchen. Warum? Der Löwe hieß auf ägyptisch schna, und "hemmen" hieß ebenfalls schna; so feßte man, im Geiste der Bilderschrift "hemmen" = "Löwe" und nahm den Löwen zum Sinnbild der Hemmarbeit.
Die Standharfe des Alten Reiches hielt sich bis in die Ramessidenzeit und fand hier noch in den mächtigen, reich bemalten und Kostbar eingelegten Tempelinstrumenten der beiden Priester im Grabe Ramses' III. zu Bibân el-Mulûk eine leßte Blüte. Diese Darstellungen brachten einst die erste Kunde von ägyptischen Instrumenten auf die Nachwelt; sie haben zuerst die Aufmerksamkeit auf die verschollene Tonkunst des Nilreiches gelenkt und der Gegenwart eine Borstellung von der Höhe der ägyptischen Musikkultur gegeben. Neben die moderne Wiedergrabe dieser Prachtstücke seßen wir die Zeichnung, die ihr Entdecker, der englische Reisende James Bruce am Ende des 18. Jahrhunderts von ihnen hat anfertigen lassen; wir bemerken mit Bergnügen das Spätrokokozöpschen, das sich die ehrwürdigen Altertümer haben gefallen lassen müssen und ziehen unsere stillen Schlüsse auf die Glaubwürdigkeit älterer Aufnahmen (Abb.19,20).
Inzwischen hatte sich die Harfenfamilie vergrößert. Schon im Alten Reich entstand eine Abart mit geringerer Höhe, größerem und tieferem Schallkörper und kräftigerer Halsbiegung; ihr Speieler hockte am Boden. Um nun die Saiten in der rechten Höhe packen zu können, viellecht auch, um das Korpus zur Erzielung einer besseren Resonanz zu isolieren, hob man das Instrument und gab ihm einen Stüßstab, der vom einen Ende schräg niederlief und mit der Bauchmitte durch ein Zwischenstüd verbunden war. Daß man diesem Zwischenstücke häufig die Form des Isisknotens oder die des Osiris-Sigab, ist doch wohl mehr als eine dekorative Außerlichkeit; es scheint mir dafür zu sprechen, daß man sich bei der Harfe - als dem einzigen in die höhere Musik des Neuen Reiches hinübergeretteten Instrumente Altägyptens - des Zusammenhangs mit der Berehrung der Nationalgottheiten bewußt blieb. Ein schönes Beispiel einer solchen Schwebeharfe zeigt unsere Abbildung 17.
Noch interessanter ist die Schulterharfe der 18. Dynastie, ein kleines, überschlankes Tonwerkzeug, mit nur wenigen Saiten, das von der Spielerin wagerecht auf der linken Schulter geraten und gespielt wurde (Abb.15). Dem Instrumentenkundigen fällt bei ihr als etwas sehr Eigenartiges, Regelwidriges auf, daß der Hals nicht in der Deden, sondern in der Bodenebene aus dem Körper herauswächst. Man kann sich die Merkwürdige Erscheinung kaum anders erklären, als durch die Annahme eines entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhangs mit der Spannrutenlaute einiger Regerstämme Westafrikas, bei der die Saiten einzeln von biegsamen Ruten gehalten werden; diese Ruten biegen sich unter dem Zug der Saiten naturgemäß nach vorn und müssen daher, um die Saiten in die Ebene der Körperdecke zu bringen, aus dem Körperboden herauskommen; bei reiseren Arten sehen wir dann die einzelnen Ruten mehr und mehr zusammenwachsen, so daß ein Übergang zur ägyptischen Schulterharfe hergestellt wird. Der Fall wäre sehr interessant für die oft angeschnittene Frage dem Zusammenhange des ägyptischen Instrumentariums mit dem der heutigen Neger. Im allgemeinen sind wohl die Berührungspunkte spärlicher, als gewöhnlich angenommen wird. Zwar sinden sich ausfallende Übereinstimmungen in der äußeren Form, aber so tiefgreifende wie etwa der, daß die Neger bei den Harfen durchweg schon die drehbaren Wirbel haben, die im alten Ägypten fehlen, mahnen zur Borsicht. Dabei, darf hervorgehoben werden, daß keine der Übereinstimmungen Instrumente des alten Reiches trifft. Auch für die Harfenfamilie läßt sich neben der Schulterharfe nur die der 18. Dynastie eigene Weiterbildung der Standharfe heranziehen: diese neuere Form, mit ihrer starken Längsausrichtung des Schallkörpers auf Kosten des Halses (Abb.15), kehrt genau bei den Batta und anderen westafrikanischen Stämmen wieder.
Dagegen sind die verschiedenen Typen der Winkelharfe, bei der der Hals in scharfem Knick an das Korpus anfeßt und beim Spielen wagerecht nach unten gehalten wird, innerhalb Afrikas ganz auf Altägyptischen beschränkt. Sie kommen zuerst in der 18. Dynastie herein und halten sich dann bis zur Römerzeit im Lande. Ihren Höhepunkt erreichen sie um die Mitte des leßten vorchriftlichen Jahrtausends; die damalige Winkelharfe mit ihrem geräumigen, nach oben ansteigenden Schallkörper ist in einem Exemplare im Louvre erhalten und wird in dem berühmten, etwa gleichzeitigen Reliefsries aus Heliopolis im Museum zu Alexandria wiedergegeben.
Am selbstverständlichsten hat man bisher die Negerbeziehungen bei der Leier vorausgeseßt. Da wir immer wieder auf Berwechselungen von Harfe und Leier stoßen, darf hier betont werden, daß derjenige Typus als Leier zu bezeichnen ist, bei dem die Saiten an einem Duerholz zwischen zwei Armen, also an einem Hoch hängen. Diese Familie kann schon im dritten Jahrtausend in Borderasien nachgewiesen werden; erst im zweiten kommt sie nach Ägypten. Hier haben wir einmal die seltene Gelegenheit, die Einführ unmittelbar zu beobachten: im Mittleren Reiche stellen Malereien von Benihassan semitische Nomaden dar, die mit all ihrer habe, und darunter die Leier, ins Delta herabsteigen. Ob das Instrument damals schon in Ägypten feßhast wurde, bleibt fraglich; die Formanalyse spricht eher degegen. Sicher aber gehört sie dem ägyptischen Musikleben seit de 18. Dynastie bis in die römische Zeit hinein an. Schon bei den Chaldäern ist die Leier längst nicht mehr urwüchsig, wie wir denn überhaupt noch nichts von ihren offenbar weit zurückliegenden Anfängen wissen. Es kann daher nicht überraschen, daß der ägyptische Abkömmling eine reise Leistung des Intrumentenbaus darstellt. Gerade über ihn sind wir sehr gut unterrichtet; denn es haben sich fünf fast vollständige Exemplare, davon allein im Berliner Museum erhalten. Sie sind in der Formensprache schon etwas ruhiger geworden. Die ältesten, die im Beginne der 18. Dynastie dargestellt werden, verstreten ganz den überbewegten Stil der Zeit: der Kasten als das Massige wird möglichst klein gehalten, die langen, schlanken Hocharme laden weit nach den Seiten aus, biegen in verschiedener Weise schwungvoll um und tragen die Duerstange schräg, so daß das Ganze stark unsymmetrisch und schies wird. Die Neigung des Duerholzes erleichterte das Stimmen, da die Saiten, die oben mit Schnurringen festgewulstet waren, nur ein wenig verschoben zu werden brauchten, um die gewünschte Spannung anzunehmen (Abb.15). Allmählich beruhigt sich die Form; der Schallkasten wird größer, die Hocharme mäßigen Schwung und Ausladung, und die Duerstange richtet sich aus; das Ganze wird gerade und symmetrisch (Abb.18). Im leßten Jahrtausend ist dann die Leier durchaus simpel geworden: die Arme steigen streng senkrecht in der Berlängerung der Kastenkanten hoch, und die Gesamtform bildet ein einfaches Rechteck. Diese spätere Leier stimmt Punkt für Punkt mit der hethitischen Leier der Zeit um 1000 v.Chr. überein, und es ist wahrscheinlich, daß hier Asien erneut das Geberland war.
Umgekehrt scheinen sich auch Fäden von der ägyptischen Leier zur hellenischen Lyrenfamilie gesponnen zu haben. Wir begegnen nämlich in den Aufzählungen musikalischer Instrumente in Griechenland bei den antiken Schriftstellern seit Herodot öfter einem "ausländischen" Phoinix oder Lyrophoinix, und es läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit zeigen, daß dieser Name - ebensowie der des Wundervögels - von dem Worte bjn abzuleiten ist, das in Ägypten nicht nur den Bogel Phönix, sondern auch jedes Saiteninstrument bezeichnete.
In Afrika selbst ist die Leier heute über einen großen bezirk verbreitet, der Nubien, Abessinien, das Osthorn, die Nilquellen und die Ostküste bis hinunter zum Victoria Nyanza umfaßt. Wir deudeten bereits an, daß diese Leiern ohne weiteres von Ägypten abhängig gemacht werden. Aber das ist doch etwas bedenklich. Sie gleichen den ägyptischen nicht, sie sind nicht aus ihnen weiterentwickelt, sie sind nicht rückgebildet, kurz, sie gehören einem endern Typus an, und zwar dem der griechischen Lyra. Kein Kasten, keine Holzdecke, keine vorderständige Saitenbefestigung, sondern eine falsche Schalle mit rohen, eingesteckten Hölzern, aber, entgegen dieser Urwüchsigkeit, mit der reiseren Stimmvorrichtung der Griechen, stellenweise sogar mit deren Spannknebeln und in Nubien mit dem griechisch-arabischen Namen kisar. Einstweilen dürfte es doch richtiger sein, angesichts dieser Tatsachen für die Negerleiern die Baterschaft in denjenigen Ländern Borderasiens zu suchen, die auch die griechische Lyra und den griechisch-arabischen Namen hervorgebracht haben, und eine unmittelbare Einfuhr über das Rote Meer unter Umgehung Ägyptens anzunehmen.
Das leßte Wort in unserer kurzen Übersicht hat die Laute, jenes Saiteninstrument, das in Ägypten aus einem kleinen mandelförmigen Holzkörper mit häutener Decke und einem sehr langen, hindurchgespießten Holzstab mit zwei oder drei Saiten hergestellt wurde (Abb.15). Auch sie wird in Ägypten mit jener Woge asiatischer Kultur in der 18. Dynastie hereingeschwemmt, um dann dauernd im Lande zu bleiben. Sie kommt ebenfalls aus dem Zweistromlande und ist mit der großen Sippe der Langspieß-Lauten des heutigen persischen Kulturkreises, den Sitâr oder Tanbûr vervettert. Diese Tatsache muß besonders unterstrichen werden. Denn noch immer taucht in der Literatur die Behauptung auf, die Laute sei das älteste ägyptische Instrument, da sie schon einem Schriftzeichen die Form gegeben habe. Über die Berbindlichkeit dieses Schlußes möchte ich nicht rechten. Aber unter allen Umständen fallen Saiteninstrumente erst in die jüngeren Schichten des Tonwerkzeugbaus, und vor allem: die ägyptische Philologie weiß längst, daß jene Hieroglyphe keine Laute, sondern das Herz mit der Aorta darstellt.
Die Laute ist in Ägypten ein rechtes Haremsinstrument: allzeit in Fränden und unentbehrliche Unterhalterin bei allen Gastmahlern. Dementsprechend ist ihre Musik ebenso wie die der Oboen kleinstusig, d.h. ihre Griffmarken, die "Bünde", die sich in einzelnen Fällen nachweisen lassen, und die Grifflöcher der Oboen stehen so eng, daß sich an der Hand mathematischer Berechnungen eine vieltönige Leiter, etwa wie die arabische, aufzeigen läßt. Demensprechend; denn wo es auf üppige, verweichlichende, unmännliche, einschmeichelnde Wirkungen abgesehen ist, leistet eine kleinstusige Musik bessere Dienste als eine großstusige. Lauten und Oboen und dazu vielleicht die Winkelharfen heben sich damit aus der nationalägyptischen Tonkunst heraus. Es ist keine Phantasterei, wenn wir die Musik des Alten und des Mittleren Reiches als pentatonisch unterstellen, d.h. wenn wir für diese ältere Zeit eine Leiter annehmen, die in üblicher Weise aus vier in die gleiche Oktave verlegten Quintschritten ist und dann in ihrem Bau ungefähr die Folge unserer schwarzen Klaviertasten hat. Dafür sprechen auch Untersuchungen an Flöten des Mitteleren Reiches. Die Umwälzungen der 18. Dynastie werden dieses System nicht umgestoßen haben. Denn die Leiersaiten sind in allen Ländern im Sinne des Quintenzirkels gestimmt worden, und selbst als in Griechenland in viel späterer Zeint Saitenzahl der Kithara von fünf auf sieben erhöht wurde, bedeutete das nicht die Herstellung der diatonischen Siebentonleiter, sondern nur die Weiterführung der Fünftonskala. Demgemäß haben wir auch nichtdas Recht, in dem gleichen Borgang auf ägyptischem Boden einen Berzicht auf die alte Pentatonik zu sehen. Das Gleiche gilt von denjenigen Leiern, bei denen die Fünf und Siebenzahl der Saiten verdoppelt ist, und sicher auch, troß der Saitenvermehrung, von den großen Tempelharfen. Aber Lauten und Oboen samt ihrer Gefolgschaft mögen seit dem Neuen Reich der ägyptischen Musik jenen fremden Stil gegeben haben, den nach Herodot "die Ägypter" nicht hereinließen, den nach Platon die Priester der Jugend fernzuhalten suchten, weil er die Leidenschasten nicht bändigte und reinigte, der nach Strabon vom Tempeldienst ausgeschlossen war, und der zu der aufgebauschten Nachricht des Kompilators Diodoros Anlaß gab, die Ägypter erlernten die Musik überhaupt nicht, da sie unnüß, ja schädlich sei und das Mannesgemüt verweichliche.
Wir heute wissen, wie wir uns zu diesen griechischen Zeugnissen zu stellen haben. Wenn auch die asiatischen Einflüsse das Ansehen des Musikerstandes erschütterten, wenn die Musik ihren ursprünglichen Stil nicht rein bewahrend konnte, so ist doch die Tonkunst für den Ägypter allzeit etwas Göttliches gewesen; denn Isis, Osiris und Thot haben sie geschaffen, und zu ihrer Ehre ist, so lange nationale Gottheiten über das Glück des Nillandes wachten, von Priestern und Laien gesungen und gespielt worden.
Der Alte Orient
Gemeinverständliche Darstellungen
derausgegeben von der
Vorderasiatischen Gesellschaft
21. Jahrgang
Leipzig J.C. Hinrische Buchhandlung 1920